Chefvisite

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Mein früherer Chef nahm sich  auf den langen Fluren  immer eine Hand des nächststehenden Assistenten, um mit dieser die Klinke einer Tür zum Patientenzimmer herunterzudrücken, falls es bis dahin kein Assistent schaffte, die Tür vorher aufzureißen, damit  der Alte an der Spitzes dieses Weißkittelschwarmes zum Patientenbett fliegen konnte.

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Der Rest schwebte in korrekter Formation hinterher, um sich in feststehender hierarchischer Ordnung am Landeplatz einzufinden. Der Stationsarzt trug den Fall vor, erläuterte den aktuellen Stand zur Genesung, zu noch ungelösten Problemen oder etwaigen Komplikationen. Nach den Fragen zur Befindlichkeit, einem Blick auf die Zunge des Kranken und einem unter die Bettdecke zum geschädigten oder bereits reparierten Körperteil, kam auch gleich die zu erwartende Examinierung eines noch auszubildenden Jungarztes.

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Hochroter Kopf oder leicht entspanntes Lächeln bei straffer Körperhaltung und immer mit Winkelmesser links in  der Brusttasche, das waren die Optionen. Chefvisiten ohne Vorbereitung garantierten peinliche Situationen vor großem Publikum und am nächsten Tag im  OP – Programm eine langdauernde, unbequeme Position als letzter Assistent beim Halten der Wundhaken und kleinliche Fragen zur Anatomie. Tupfen oder gar Fäden knüpfen durfte man erst wieder, wenn die Antworten beim nächsten Mal ausgezeichnet ausfielen. Selber das Messer führen… kam um einige Zeit später.

Meine damalige Klinik wurde 1930 erbaut, vorwiegend  für Kranke mit Tuberkulose der peripheren Knochen, Gelenke und Wirbelsäule. Es gab in jeder der 3 Etagen großzügige Terrassen vor den Zimmern, wo die Patienten mit den Betten in die Sonne gefahren werden konnten, lichtdurchflutete Zimmer, große Gymnastiksäle und ein  Schwimmbad. Sie verbrachten bisweilen über ein Jahr im Krankenhaus, manchmal zu großen Teilen eingegipst, mangels moderner OP- Verfahren.

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Lange her…Inzwischen ist dort die Psychiatrie eingezogen.

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Deshalb bin ich zur Visite (wie viele schon vor mir) mal hier hin gefahren, nach Beelitz, auch einst für Tuberkulosekranke  erbaut, viel größer nur, wie ein kleiner Stadtteil, nahe der Hauptstadt.  Mit meinen Erinnerungen bin ich dort durch Flure geglitten, habe in Zimmer und Säle geschaut, den wehenden Kitteln der Chefvisite hinterhergeträumt, hätte gern den einen oder anderen Verband gewechselt, eine Kniescheibe eingerenkt, mit Kollegen im Treppenhaus über die nächste Party geplaudert und heimlich Witze über den Chef gerissen…

Aber diese Unordnung auf den Stationen und im Op…, einzig die Fliesenböden haben die Zeit gut überdauert.

Morgen beginnt das Arbeitsjahr hinter den eigens für heilsames Tun gemieteten, hoffentlich aufgeräumteren Wänden…