Rock am Sonntag

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bruce3

Er war da. Bruce der Boss. Und auch allmächtig an diesem Sommerabend. Die Vorfreude stammt noch aus der Weihnachtszeit des vergangenen Jahres. ´88 war er in Ostberlin, ´99 schon einmal in Leipzig. Ich habe ihn bislang noch nicht live erlebt. Jetzt ist er dreiundsechzig. Eigentlich wollte ich ja zu Stomp; da reicht die Lebenszeit vom Boss für drei Darsteller. Allerdings, wie ich später beeindruckt feststellen kann, auch seine Energie.
Meine Herren.
Derweil ist noch Vormittag, ich freue mich auf den Abend, die Sonne prallt aus ihrem blauen Grund herab auf Faktor zwanzig und wir machen uns mittags noch mit den Rädern auf den Weg zu einer Obstbaumreihe, fernab, inmitten von Feldern. Geradeaus die spätreifen Süßkirschen, links die Äpfel, nach rechts geht es zu den Pflaumen.
Wir treten zu dritt als Mundräuber mit Spezialinstrumenten auf. Der eine oder andere morsche Zweig wird amputiert und vom Obst befreit.

kirschbaum

Zeit vergeht. 55 Kilometer später sitzen wir im Hof bei Kaffee und Kuchen. Konzertbeginn zwanzig Uhr. Die Hunde bekommen noch eine schattige Runde am Feldrand, plötzlich ein drittes Tier zwischen den Füßen. Für einen Hund sind die Ohren zu lang. Herr Lampe ist flink, mein Pfiff laut, ein guter Restgehorsam lässt sie gottlob kurz darauf japsend neben mir aufschlagen. Die Abendräder sind vorbereitet. Geduscht, geschminkt und auf in die Stadt. Es ist genug Zeit. Als wir durchs Zentrum surren, fällt mir schlagartig diese Ruhe auf. Keine sternförmigen Menschenströme Richtung Stadion. Nanu? Oh Gott! Beim Ampelrot fliehen meine Hände zitternd in die Tasche – ich bin die Ticketverantwortliche – wage voll dunkler Ahnung einen verhuschten Blick auf die Karten, der mir mit voller Wucht eine NEUNZEHN ins Sehzentrum zimmert. Kommentar – und fassungslos vollenden wir dennoch die Anreise, erreichen das Ziel und betreten nahezu illusions- und launenfrei die Getränkedosenhersteller – Arena. Wie zum Trost scheppert ein undefinierbarer Lärm von den Seitenrängen auf uns herab. Wenigstens können wir ohne Geschiebe und Gedränge am Eingang ungehindert ins Innere vordringen. Die Karten waren glücklicherweise für Premiumstehplätze und wir gelangen mit einem Diesel in der Hand, immer noch zerknirscht front stage. Da wird der Sound plötzlich besser mit Wiedererekennungswert. Das Auge darf auch mithören. Wie sich herausstellt, hat ER 45 Minuten auf uns gewartet und erst mit dem Verschwinden der Sonne hinter den Stadionwällen begonnen, sein Repertoire fulminant abzufeuern. Ich sehe den Kreuzbuben Arm schlenkernd, textsicher hüpfen und tanzen. Unglaublich. Fast drei Stunden wird ohne irgendwie abzusetzen gerockt bis die Bude kocht. Die Gitarren fliegen für ihre Wechsel vom Raunen der Massen begleitet durch die Luft. Er kam in Grau und blieb in Schwarz, durch in jede Faser seiner Klamotten dringenden Schweiß. Was für eine Energie! Strotzend. Niemals auch nur ansatzweise Zeichen irgendeiner kleinen Erschöpfung, während im Publikum die Akkus flackern, sich Arme und Beine nach Pausen sehnen. Seine zauberhafte Großband mit dunkler Nachtigall, herausragendem Drummer(dessen Frisur bis zum Schluss korrekt sitzt)Bläsersatz, 3 Gitarren, einer Geige, Piano, Orgel und Bass begleitet ihn auf seinem atemlosen Ritt durch die Zeit. Unermüdlich. Er rennt und springt, albert herum, holt die Mutti eines Fans zum Tanz auf die Bühne, lässt sich Pappen mit Musiktiteln hochreichen, setzt sich ein kleines Mädchen auf die Schulter, flüstert ihm was ins Ohr und die Göre singt fröhlich eine Strophe mit. Da steht er mit seiner völlig zerschundenen Fender, die er dem Publikum zum mitspielen hinhält und man schrammt zurück in verwitterte Zeiten. Zu Hause höre ich mir keine drei Stunden Springsteen an, jedoch ihn bei seiner schweißtreibenden, mitreißenden Arbeit live zu erleben ist eben etwas anderes. Er beschließt allone and acoustic den Abend mit der Ballade „Thunder Road“ und obwohl er nicht besser Harp spielt als Bob Dylan, füllen sich hier und da Salzlaugen bis zum Rand. Haach… Ab durch die Nacht, zum Bier am Bettrand. Die Arbeitswoche tänzelt schon listig im Startblock hinter der Zwölf.

bruce1
Ich hatte keine Kamera dabei.