Kuscheln im Waschbecken – ein Rekordreport

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Teil 1
Jahre, was sage ich: Jahrzehnte habe ich Lebenszeit mit allerlei Überflüssigkeiten verbracht, nur nicht mit Frisörsitzungen, also halbe Stunde maximal, alle paar Monate. Bis neulich. Nachdem die auffällige Feuerrotphase von einer cremigen, schokobraunen Welle fortgespült wurde, diese wegen der ungewollten Potenzierung des Brauns hin zum Schwarz nach jeder Farbauffrischung die Winterbleiche und die Schatten mangelnden Schlafes gekonnt in Szene setzte, fasste ich den Entschluss, vom gemütlich verplauderten Dorffrisör ins hochkarätige Fachgeschäft an der pulsierenden Magistrale zu wechseln. Natürlich wurde mir glaubhaft versichert, dass es nun allerhöchste Zeit sei, diesen verdorbenen Kopf zu retten.
Bitte. Ich traf dort eine Freundin, die ebenso wenig Zeit wie ich hat, aber sie war irgendwie schon assimiliert. Ich wurde nach dem Inhalt meines Kleiderschrankes befragt- wichtig für die Wahl des Instrumentariums-und mit Beschwichtigungen eingelullt. Dabei bin ich ein ge(ver)brannntes Kopfkind. Aber nach einem anstrengenden Dienst am Bürger nehme ich eine beruhigende Kopfmassage, gepudert mit detaillierten Erläuterungen zum Procedere meiner Neuerschaffung, ein prickelndes Getränk meiner Wahl und eine bis dahin nie gehörte, sanft gesprochene Aufforderung: „Kuscheln´se sich mal schön hier rein“, gelassen entgegen. Gemeint war das Rückwärtswaschbecken. Was soll ich sagen? Es hat geklappt. Das Porzellan war tätsächlich gemütlich. Ort des Geschehens: Das „Waschhaus“. Leuchtdiodenhimmel mit Wechselfarbe in der Trockenbaukammer mit Kopfwaschplätzen. Für die ewig Gestrigen gab es einen vorwärts. Dämpfe aus dem Chemieunterricht stiegen mir in die Nase, meine Haare wurden irgendwie gemolken, gewalkt, gecremt, in Folie gewickelt, geduscht, gefönt.
„Ha, fünf Jahre jünger, mindestens!“ Nach 2 Stunden. Alle Köpfe flogen herum und starrten auf meinen, mittlerweile sauerkrautfarben und entfärbt. Soso. Die Meisterin der Frauenköpfe verhängte nun den Spiegel – ich habe immer was für Überraschungen übrig. Der Hunger würgte meinen Leib.Unbehagen zog mich dringend fort. Heilfroh, endlich neu verfärbt und verfönt zu sein, störten mich die geopferten zehn Zentimeter mühsamen Wachstums nicht mehr, hörte die Belobigungen zum neuen Oberhaupt weit enfernt, kaufte ein Glätteisen nebst Hitzeschutz und stellte zu Hause- einige Euro ärmer, nüchtern fest: ´Sechs Jahre hat sie mir wieder draufgegeben.´
Am nächsten Tag bedauerten meine Mitarbeiter, dass ich den Termin zum Friseur doch nicht geschafft hätte…Pfff.
Wochen später…